Übersicht: AktuellesErstellt am: 03.07.2026

An der traditionellen Fortbildungsveranstaltung im Kongresszentrum Philharmonie präsentierten die Expertinnen und Experten des Westdeutschen Tumorzentrums Essen am 10. Juni 2026 kurz und knapp die wichtigsten Neuigkeiten des diesjährigen amerikanischen Krebskongresses ASCO, der in Chicago vom 29.05. bis 02.06.2026 stattfand, und ordneten diese in die aktuelle Behandlungslandschaft ein. Hierzu hatten sich mehr als 100 Teilnehmende, vorwiegend onkologisch tätige Ärzt*innen aus NRW, eingefunden, und es wurde lebhaft diskutiert.

„In Zeiten von gefühlten, bevorstehenden und erforderlichen Änderungen und der bei vielen Menschen in unserer Gesellschaft hierdurch entstehenden Unsicherheit kann die Krebsmedizin ein positives Signal senden: Das Ablösen von Althergebrachtem durch Innovation ist in unserem Fachgebiet in der Regel mit einer Verbesserung der Diagnose-, Behandlungs- und Betreuungsmöglichkeiten verknüpft“, bemerkte Prof. Martin Schuler, stellv. Direktor des WTZ Essen, der die Veranstaltung erneut leitete und moderierte.

Der wichtigste Durchbruch des ASCO 2026 betraf das Pankreaskarzinom, wovon Prof. Jens Siveke, Wissenschaftlicher Direktor des WTZ Essen, berichtete: Der neue, gegen das zentrale Krebsgen RAS gerichtete Wirkstoff Daraxonrasib verlängerte in der Phase-3-Studie RASolute 302 bei bereits vorbehandelten Patient*innen das Überleben nahezu doppelt so lang wie die bisherige Chemotherapie (im Mittel 13,2 statt 6,7 Monate). Da RAS in über 90 % der Pankreastumoren die treibende Veränderung ist, könnte damit erstmals eine zielgerichtete Behandlung für die große Mehrheit der Betroffenen verfügbar werden. Studien in früheren Krankheitsstadien laufen bereits. Ergänzend zeigte die Kombination des neuartigen MEK-Hemmers Atebimetinib mit Standardchemotherapie in der Erstlinie erste vielversprechende Ansprechraten. Beim Speiseröhrenkrebs (Plattenepithelkarzinom) verbesserte der neue Antikörper-Wirkstoff Izalontamab-Brengitecan in einer Phase-3-Studie Überleben und Tumorkontrolle deutlich gegenüber Chemotherapie und eröffnet eine neue Zweitlinienoption. Beim Magenkrebs untermauerte die HERIZON-GEA-01-Studie den HER2-gerichteten Antikörper Zanidatamab als wirksame neue Erstlinientherapie für HER2-positive Tumoren, während ATTRACTION-6 zeigte, dass eine zusätzliche doppelte Immuntherapie (Nivolumab + Ipilimumab) bei HER2-negativem Magenkrebs keinen Nutzen, aber mehr Nebenwirkungen brachte.

Zum Mammakarzinom konnte Frau PD Dr. Anja Welt Analysen zu den sich weiter auf dem Vormarsch befindlichen Antikörper-Wirkstoff-Verbindungen (ADCs) präsentieren. Gleich mehrere ADCs werden in Kürze in früheren Therapielinien eingesetzt werden können – die teilweise noch ausstehenden Zulassungen durch die EMA vorausgesetzt. Möglicherweise ist es sinnvoll, die Therapie beim metastasierten, hormonabhängigen, HER2-negativen Brustkrebs bereits zu ändern, auch wenn sich in einer bildgebenden Kontrolluntersuchung noch gar kein Fortschreiten der Krankheit zeigt, aber im Blut eine ESR1-Mutation nachweisen lässt. Dieses Vorgehen legen die Ergebnisse der SERENA-6-Studie nahe, von der in diesem Jahr weitere Ergebnisse berichtet wurden.

Herr Prof. Marcel Wiesweg berichtete zu Lungenkarzinomen. Im Fokus standen dabei insbesondere Neuerungen für Erkrankte, deren Tumore molekularpathologische Tumormerkmale aufweisen, die zielgerichtete Behandlungen erlauben. Nachdem diese sich in der metastasierten Situation bewährt und etabliert haben, was z. B. mit den Langzeitdaten der CROWN-Studie beim ALK-positiven Nicht-kleinzelligen Lungenkarzinom (NSCLC) für die Substanz Lorlatinib nochmals eindrucksvoll bestätigt wurde, rücken sie nun nach vorn: So konnte in der Studie LIBRETTO-432 beim RET-positiven NSCLC ein deutlicher Vorteil für das krankheitsfreie Überleben durch den adjuvanten Einsatz von Selpercatinib gezeigt werden, weshalb diese Ergebnisse in Chicago im Rahmen der Plenarsitzung präsentiert wurden.

Herr Prof. Paul Buderath hob u. a. als Kongress-Highlight die gynäkologischen Tumoren betreffend die Ergebnisse der RUBY-Studie hervor, die in der Langzeitanalyse zeigte, dass Checkpoint-Inhibitoren (Immuntherapie) auch beim Endometriumkarzinom seit einiger Zeit sehr erfolgreich eingesetzt werden.

Herr Prof. Viktor Grünwald, der interdisziplinär in der Klinik für Urologie und der Klinik für Medizinische Onkologie (früher „Innere Klinik (Tumorforschung)“) tätig ist, konnte verschiedene, die Praxis verändernde Neuigkeiten vorstellen.

Beim lokal begrenzten Hochrisiko-Prostatakarzinom lieferte die PROTEUS-Studie den bislang stärksten Beleg für eine perioperative hormonelle Intensivierung. Die Kombination aus Apalutamid und ADT – neoadjuvant und adjuvant zur radikalen Prostatektomie – erzielte eine pathologische Komplettremissionsrate von 8,9 % gegenüber 1,0 % unter ADT allein (OR 10,17; p<0,001) und verbesserte das metastasenfreie Überleben signifikant (HR 0,80; p=0,02). Auch wenn wir hier noch keine Verbesserung des Gesamtüberlebens sehen, ist Apalutamid + ADT damit eine kommende neoadjuvante Standardoption beim Hochrisiko-PC.

Praktisch relevant war zudem REDUSE 96/12: Induktion im gewohnten monatlichen Intervall, gefolgt von einer Verlängerung des Denosumab-Intervalls von 4 auf 12 Wochen bei Patient*innen mit Knochenmetastasen erwies sich als gleichwertig wirksam (HR 1,02 für Zeit bis zum ersten skelettbezogenen Ereignis), ging jedoch mit weniger Hypokalzämien und Kiefernekrosen einher.

In der adjuvanten Therapie des Nierenzellkarzinoms bestätigte die RAMPART-Studie den Vorteil einer Checkpoint-Inhibition gegenüber aktiver Überwachung: Die Kombination aus Durvalumab und Tremelimumab erzielte eine 3-Jahres-DFS-Rate von 80 % versus 72 % bei alleiniger Nachsorge (HR 0,65; p=0,0094). Durvalumab allein zeigte mit 78 % einen vergleichbaren, knapp signifikanten Effekt (HR 0,74; p=0,041). Diese Studie unterstützt damit den etablierten Standard der adjuvanten Immuntherapie beim Nierenzellkarzinom.

Besondere Aufmerksamkeit verdiente in diesem Zusammenhang auch eine Metaanalyse zur patientenrelevanten Toxizität adjuvanter Immuntherapien (Nally et al.): Konventionelles CTCAE-Grading unterschätzt die tatsächliche Belastung erheblich. In der IMmotion010-Kohorte berichteten 46 % der mit adjuvantem Atezolizumab behandelten Patient*innen über klinisch bedeutsame Nebenwirkungen aus eigener Perspektive – gegenüber 25 % im Placebo-Arm. Chronische Immuntherapietoxizitäten, die das Alltagsleben langfristig beeinträchtigen, werden durch standardisierte Grading-Systeme systematisch unterschätzt.

Das muskel-invasive Blasenkarzinom erlebte am ASCO 2026 möglicherweise den bedeutendsten Therapiewandel aller uroonkologischen Entitäten. Für cisplatin-ungeeignete Patient*innen etablierte eine publizierte Phase-3-Studie (Vulsteke et al., NEJM 2026) Enfortumab vedotin + Pembrolizumab als neuen perioperativen Standard: Das ereignisfreie Überleben wurde mit HR 0,40 halbiert, das Gesamtüberleben verdoppelt (HR 0,50; p<0,001). Der CHMP erteilte im Mai 2026 eine positive Empfehlung.

Die leitende Oberärztin der Klinik für Dermatologie, Frau Prof. Lisa Zimmer, berichtete von wirksamen immuntherapeutischen Ansätzen, die in der Dermatologie mit dem erfolgreichen Einsatz beim malignen Melanom die längste Tradition haben, aber auch von erfolgversprechenden neuen zellbasierten Behandlungsansätzen, die in Kooperation mit der Klinik für Hämatologie und Stammzelltransplantation durchgeführt werden. Besondere Aufmerksamkeit galt auch den Langzeitdaten der Studie mit dem mRNA-Impfstoff Intismeran in Kombination mit dem Checkpointinhibitor Pembrolizumab – durch den kombinierten adjuvanten Einsatz konnte das Rückfallrisiko halbiert werden.

Herr Prof. Stefan Kasper-Virchow stellte aktuelle Studiendaten zum Darm- und Leberkrebs vor. Beim Dickdarmkrebs im frühen Stadium zeigte sich, dass ein Bluttest auf Tumor-DNA helfen kann, Patient*innen zu erkennen, die nach der Operation von einer Chemotherapie profitieren. Beim fortgeschrittenen Darmkrebs mit einer speziellen Genmutation (BRAF V600E) führt eine neue Dreifachkombination aus zielgerichteten Substanzen und Chemotherapie zu deutlich besseren Überlebenschancen. Beim Leberkrebs schließlich konnte gezeigt werden, dass die Kombination aus Immuntherapie und TACE das progressionsfreie Überleben gegenüber TACE allein verbessert.

Frau Dr. Ina Pretzell stellte weitere wirksame neue zielgerichtete Therapien vor und erläuterte, wie auch externe Onkologinnen Patientinnen im von ihr koordinierten Molekularen Tumorboard des Westdeutschen Tumorzentrums mit dem Ziel, eine passgenaue Therapie mittels molekularpathologischer Untersuchungen zu finden, unkompliziert vorgestellt werden können.

Angesichts des großen Interesses ist auch im Juni 2027 wieder eine neuerliche Fortbildung kurz nach dem „ASCO“ geplant.

Copyright: Michael Rüter / ALPHA Fotostudio